Der Nabel der Welt?

Jede(r) von uns hat eine eigene Realität. Wir sehen nur das, was wir schon kennen.

19.06.2021

Jede(r) von uns hat eine eigene Realität. Wir sehen nur das, was wir schon kennen.

Wir formen aus dem, was wir sehen und den Erfahrungen, die wir vorher gemacht haben, ein stimmiges Bild. Das erste Mal aufgefallen ist mir das in einem intensiven Gespräch mit meiner Jugendliebe. Wir tauschten uns - 30 Jahre danach - bei einem Abendessen zu zweit über die gemeinsame Zeit als Jugendliche aus. Meine Wahrnehmung war: Bis weit in meine 20ziger war ich in fast allen Beziehungen eine Art Nebenfrau. Und dann sagte er: So war es jedenfalls in unserer Beziehung nicht. Ich konnte es nicht fassen, dass mein Bild und sein Bild von der Wirklichkeit so weit auseinanderklafften. Und ich fragte mich sofort: Sind denn dann die anderen Erlebnisse – für mich allesamt sehr schwierig – wirklich so gewesen, oder habe ich mir nach einer ersten negativen Erfahrung immer irgendwie eingeredet, dass es ‚schon wieder‘ so ist?     

Das Relativitätsprinzip ist ein Grundpfeiler der Physik. Es besagt, dass vieles nur relativ zu einer Beobachter*innen-Perspektive definierbar ist. Die Theorie, begründet von Albert Einstein, ist über 100 Jahre alt, aber für uns Menschen ist es nach wie vor eine große Herausforderung, danach zu leben.

Wir gehen – trotz dieses Wissens – intuitiv nach wie vor davon aus, dass die Welt so ist, wie wir sie sehen und unsere Bewertungen dieser gefühlten Realität entsprechen. Doch das, was wir als Realität annehmen, ist nur das, was wir sehen können.

Damit schränken wir einerseits unsere eigenen Lebens-Perspektiven ein: Wer sich z.B. fühlt wie eine Nebenfrau, verhält sich leider auch so und trägt selbst dazu bei, diese Erfahrung immer wieder zu machen. Andererseits macht es das Zusammensein mit anderen Menschen schwierig, wenn wir selbstverständlich meinen, der/die andere, müsste dasselbe Bild wie wir selbst von sich, von der Welt, von dem gemeinsamen Erleben vor sich haben. Nicht-Verstehen, Missverständnisse und Streit sind die Folge.

Immer mehr Menschen versuchen, sich gar nicht erst mit Menschen zu umgeben, von denen sie ahnen, dass sie die Welt anders sehen. Aber ist das eine gute Lösung?

Ich glaube, wir müssen einfach lernen, mit dieser Relativität, mit diesen unterschiedlichen Realitäten, umzugehen – ohne sie gleich machen zu wollen. Aber wie schaffen wir das? Wie halten wir Diskrepanzen besser aus? Wie schaffen wir es, uns immer wieder frei zu machen von den eigenen Erfahrungen und einfach zu sehen, was gerade wirklich ist? Ohne es sofort verändern zu müssen? Ich freue mich über Eure Kommentare!